Themenmonat Dezember: Gerechtigkeit 

Wie fair ist die Mobilität in Berlin verteilt?

Gerecht ist Mobilität dann, wenn es allen Menschen gleichermaßen möglich ist, sich selbstbestimmt und sicher fortzubewegen. Gleichzeitig sollte die Mobilität möglichst wenige ökologische Schäden verursachen (Kühne, 2018). Doch wie lässt sich in Berlin die Gerechtigkeit der Flächenverteilung und anderer Mobilitätsaspekte beurteilen? Und welche weiteren Gerechtigkeitsfragen sind zu beachten, etwa wenn es um Kosten geht?

Gesamtfläche der Straßen, Radwege und Schienen in Berlin

Angaben in Quadratkilometern: 4,66 für Fahrräder. 8,29 für Schienen, 48,15 für Kraftfahrzeuge,  davon 8,04 für Standflächen

Infografik 1: Gesamtfläche der Radwege, Schienen und Straßen in Berlin inklusive Abstellflächen und Parkplätzen (Berlin 2017). 

Zum Vergleich: 30 % der Wege werden an Werktagen zu Fuß zurückgelegt, 18 % mit dem Fahrrad, 27 % mit dem ÖPNV, 26 % mit Autos

Infografik 2: Anteil der Verkehrsmittel für alltägliche Wege (Berlin 2018). Zahlen aufgerundet.

Beide Grafiken: © Lone Thomasky / AMBER 2025, auf Basis des Infrastrukturatlas 2020, Seite 18. Bild herunterladen.

1. Flächengerechtigkeit 

Wie gerecht oder ungerecht Flächen in einer Stadt verteilt sind, ist nicht immer leicht zu erkennen. Das liegt vor allem daran, dass viele Kommunen den Flächenverbrauch unterschiedlich messen. Einen Radweg in Kilometern auszumessen, gibt beispielsweise keine Auskunft darüber, wie viel Platz Radfahrende im Vergleich zu Autofahrenden haben. Ein Vorgehen zur einheitlichen Beurteilung bietet hier beispielsweise der Fair Spaces Index

Wie unsere Infografik zeigt, nimmt der motorisierte Verkehr deutlich mehr Fläche in Berliner Straßenräumen in Anspruch, als es die Schiene oder das Fahrrad tun. Im Vergleich mit den Prozentteilen der tatsächlich zurückgelegten Wege, wird das Ungleichgewicht noch sichtbarer: Obwohl gut 17 Prozent der Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, nehmen Fahrradwege weniger als 8 Prozent der dargestellten Verkehrsfläche in Anspruch.

Warum stellt unsere Grafik keine Fußwege dar? Fußverkehr wird in vielen Mobilitätsstatistiken nicht (genügend) erfasst. Das zeigt auch, dass Fußgänger:innen und Rollstuhlfahr:innen bei Mobilitätsdebatten und Entscheidungen oftmals noch zu wenig Beachtung finden.

Beispiel Stadtmitte Düsseldorf: 12 Quadratmeter Parkplatz kosten 25 Euro im Jahr. Wohnfläche in dieser Größe kostet 2239 Euro

2. Gerechte Kosten

Gerechtigkeit betrifft auch die Kosten von Mobilität. Pkw-Parkplätze für Anwohnende sind oft kostenlos oder der Preis liegt deutlich unter den tatsächlichen Betriebskosten (Kühne, 2018). Der Vergleich in der Abbildung zeigt: Für das Auto bezahlen wir deutlich weniger Mietkosten als für unsere Wohnfläche.

Mache Städte versuchen, die Autonutzung in Innenstädten über höhere Parkkosten zu reduzieren. Hiermit werden Anreize gesetzt, den Pkw zuhause stehen zu lassen und das Fahrrad oder den ÖPNV zu nutzen. Allerdings führt diese Maßnahme nur dann zu mehr Gerechtigkeit, wenn diese Alternativen gut und einfach zu nutzen sind.

(Abbildung: siehe VCD)

3. Welche Methoden gibt es, Gerechtigkeit zu beurteilen?

Diese drei Dimensionen der sozialen Gerechtigkeit bieten eine hilfreiche Orientierung bei der Bewertung von Gerechtigkeit – ganz allgemein, aber auch im Mobilitätsbereich.

Verteilungsgerechtigkeit 

… meint die faire Verteilung materieller und nicht-materieller Güter, aber auch die gerechte Aufteilung von Chancen und Belastungen in einer Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wer bekommt was und nach welchen Prinzipien erfolgt diese Verteilung? Bezogen auf Mobilität kann dies etwa bedeuten: Infrastruktur, Verkehrsflächen, Mobilitätsangebote und Umweltbelastungen sollten so verteilt sein, dass alle gesellschaftlichen Gruppen gleichwertige Teilhabemöglichkeiten erhalten. (Rawls, 1971)


Anerkennungsgerechtigkeit 

… betont die Bedeutung von Respekt, Sichtbarkeit und Wertschätzung verschiedener sozialer Gruppen und Einzelpersonen. Ungerechtigkeit entsteht hier, wenn bestimmte Perspektiven, Erfahrungswissen oder Identitäten marginalisiert oder unsichtbar gemacht werden (Fraser, 2003). Für die Mobilitätswende ist es daher wichtig, Alltag und Bedürfnisse von Menschen einzubeziehen, die bisher weniger Aufmerksamkeit erhalten. Das können etwa Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen oder Menschen mit Migrationsgeschichte sein. Diese Gerechtigkeitsdimension lässt sich erweitern, indem sowohl zukünftige Generationen als auch Natur und Ökosysteme als relevante Betroffene berücksichtigt werden. 

Verfahrensgerechtigkeit 

… richtet den Blick auf Prozesse, in denen Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungsprozesse sollten möglichst transparent, inklusiv und zugänglich gestaltet sein, sodass Bürger:innen und Betroffene Informationen erhalten, sich und ihre Sichtweise einbringen können und Einfluss nehmen können. Auch wenn die Ergebnisse nicht für alle gleich vorteilhaft sind, werden sie als gerechter wahrgenommen, wenn der Entscheidungsweg fair und nachvollziehbar gestaltet ist (Tyler, 1990). Dies kann unter anderem bedeuten, Beteiligungsformate barrierefrei zu gestalten, diverse und unterrepräsentierte Gruppen und Perspektiven zu erreichen und zu reflektieren, wie Macht in Entscheidungsstrukturen verteilt ist.

Illustration: Fahradfahrerin
Ein Mann begleitet ein Kleinkind
Junge im Rollstuhl
Ältere Herrschaften spazieren mit Gehstock
Paar mit Koffer ruft Taxi

4. Wie sich die Forschungsgruppen von „Mobil auf Deine Weise“ mit Gerechtigkeit befassen 

Die Citizen Scientists und das Forschungsteam haben bereits im November die in unserer Studie erhobenen Forschungsmaterialien analysiert und interpretiert. Dabei wurde deutlich: Es gibt viele Ansatzpunkte für eine gerechtere Mobilität in Berlin.

Die Forschungsgruppe „Gesunde Mobilität für alle“ befasste sich bereits intensiv mit Ansätzen, die das Mobilitätssystem gerechter machen könnten. Auch in den anderen Forschungsgruppen zu „Engagement und Wandel“, sowie „Stadtklima“ kamen Fragen nach Gerechtigkeit immer wieder auf. Denn insbesondere benachteiligte Gruppen sind auf eine gute und barrierefreie Fuß-, Fahrrad- und ÖPNV-Infrastruktur angewiesen. Diese Infrastrukturen sind zum Beispiel für Kinder und Jugendliche sehr wichtig, um sich sicher und eigenständig fortbewegen zu können (Teilhabeatlas, 2025). In ländlichen Regionen und Randbezirken ist dies oft noch stärker Thema, da ÖPNV meist seltener fährt und viele Radwege – wenn vorhanden – nicht genügend beleuchtet oder vom Autoverkehr abgegrenzt sind.

Den Blick auf mehr Gerechtigkeit soll auch die dritte Workshop-Runde der Forschungsgruppen im Januar nochmals intensivieren: Hier wollen wir gemeinsam politische Forderungen entwickeln, die dann am 27. März in der Abschlusskonferenz veröffentlicht werden.

Veranstaltungstipps im Dezember

3. Dezember – Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

Am 3. Dezember wird auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen aufmerksam gemacht. Deutschland feierte 2024 zwei wichtige Jubiläen: 30 Jahre Benachteiligungsverbot im Grundgesetz und 15 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention, die beide die Gleichstellung und Teilhabe stärken. Die UN-Konvention fördert Inklusion in allen Lebensbereichen und wird in Deutschland durch einen Nationalen Aktionsplan umgesetzt.

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9. Dezember Diskurs am Dienstag: Historische Bodenbeläge und gute Radverkehrsinfrastruktur: ein Widerspruch?

Neue Radinfrastruktur soll Mobilität, Aufenthaltsqualität und Klimaschutz fördern, stößt aber oft auf Konflikte mit historischen Straßenbelägen wie Kopfsteinpflaster. Das Webinar zeigt eine getestete Schleiftechnik, die das Pflaster für Radfahrende glättet, den Charakter der Straßen erhält und so Fahrkomfort und Sicherheit verbessert.

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9. Dezember Handover Event für die Planungszellen „Less traffic – more mobility“

Vom 23. bis 25. Mai 2025 arbeiteten rund 50 zufällig ausgewählte Berliner:innen in sogenannten Planungszellen zu ‘Less traffic – more mobility’ daran, Ideen für die Zukunft der Mobilität in ihren Nachbarschaften bis 2045 zu entwickeln. Beim Handover-Event werden die Ergebnisse vorgestellt und offiziell an das Forschungsteam übergeben. Der Bürger*innenbericht mit Empfehlungen wird der Öffentlichkeit präsentiert und lädt zum Austausch über die Mobilität der Zukunft ein.

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10. Dezember – Sitzung des AK Nachhaltigkeit im Dezember

Der BUND-Arbeitskreis Nachhaltigkeit trifft sich alle zwei Wochen, um sich über Nachhaltigkeit auszutauschen und an der sozial-ökologischen Transformation zu arbeiten. Mitmachen kann jede:r, egal ob Einsteiger:in oder erfahrene Fachkraft, und es gibt auch hybride oder Online-Optionen. 

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11. Dezember Sicher zur Schule – Strategien für eine kindgerechte Schulwegplanung

Kinder sind auf dem Schulweg oft Gefahren ausgesetzt, weshalb sichere und kindgerechte Wege wichtig sind. Das WebSeminar zeigt, wie Kommunen die Schulwegsicherheit verbessern können, mit Beispielen, rechtlichen Hinweisen und praktischen Werkzeugen für die Planung.

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Weitere Tipps siehe Terminseite

Quellenangaben

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