Themenmonat Oktober:
Sicher unterwegs?!
Zu Fuß, mit Fahrrad oder ÖPNV unterwegs zu sein ist umweltfreundlicher und gesünder. Trotzdem entscheiden sich viele Menschen für das Auto. Ein wichtiger Grund dafür ist die Verkehrssicherheit: Gerade Kinder, ältere Menschen oder Personen mit Beeinträchtigung fühlen sich auf dem Fahrrad, mit dem Rollstuhl oder zu Fuß im Straßenverkehr oft unsicher. Was muss sich ändern, damit wir alle sicher unterwegs sein können?
Zahlen und Fakten
Aktuelle Statistiken zeigen deutlich, dass es beim Thema Verkehrssicherheit noch viel zu tun gibt. Noch immer sterben in Deutschland jedes Jahr tausende Menschen im Straßenverkehr: 2024 waren es 2.780 Menschen. Zwar ist dies der drittniedrigste Wert seit Beginn der Unfallstatistik im Jahr 1953. Doch hinter dieser Zahl stehen im Schnitt fast acht Verkehrstote pro Tag (Statistisches Bundesamt [Destatis], 2024). Jede einzelne Person ist zu viel. Hinzu kommen über 360.000 Verletzte, wovon circa 51.000 schwer verletzt wurden. Besonders gefährdet sind jene, die nicht im Auto sitzen: Über 400 Radfahrer:innen verloren 2023 ihr Leben. Während die Zahl der tödlich verunglückten Pkw-Fahrenden seit 2010 zurückgegangen ist, ist diese Zahl bei Radfahrer:innen angestiegen. Auch Fußgänger:innen sind stark betroffen: 2024 starben 402 Fußgänger:innen (Destatis, 2025 a).
Wo die Straßenverkehrsunfälle passieren, macht dabei einen großen Unterschied: Auf Landstraßen endet eine Kollision viel häufiger tödlich – fast sechs von zehn Verkehrstoten sterben hier, oft wegen zu hoher Geschwindigkeit (Runter vom Gas, 2024). Außerorts ist das Risiko tödlicher Verkehrsunfälle für Autonutzer:innen höher. Häufige Gründe hierfür sind überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit, Abstandsfehler, ungeschützte Hindernisse wie Bäume, eingeschränkte Sicht sowie Wildunfälle (siehe zum Beispiel Runter vom Gas, 2025; Destatis, 2025 b). Innerorts sind vor allem Menschen gefährdet, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind: Sie machten 2023 zwei Drittel aller Todesopfer im innerörtlichen Straßenverkehr aus (Destatis, 2024). Auch in Berlin zeigt sich dieses Muster: 2024 verloren dort 56 Menschen ihr Leben im Straßenverkehr – die Mehrheit von ihnen war zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs (VCD, 2024).
Die Infografiken machen deutlich, dass sich das Unfallgeschehen in Städten von dem im gesamten Bundesgebiet unterscheidet. Die linke Grafik zeigt für 2024 die Verteilung der tödlich verunglückten Verkehrsteilnehmer:innen in Deutschland nach genutztem Verkehrsmittel. Vergleicht man diese Verteilung mit den Daten für Berlin, wird klar: Dort ist der Anteil von Fußgänger:innen und Radfahrer:innen an den Verkehrstoten höher als im Bundesdurchschnitt.
Infografik 1: Verkehrstote in Deutschland (Quelle: Destatis 2025 a) © Lone Thomasky / AMBER 2025. Bild herunterladen
Infografik 2: Verkehrstote in Berlin (Quelle: VCD 2025) © Lone Thomasky / AMBER 2025. Bild herunterladen
Aktuell ist der Straßenverkehr in Deutschland so gestaltet, dass er die Bedarfe und Besonderheiten von bestimmten Personen und Altersgruppen nicht angemessen berücksichtigt: Kinder sind beim Radfahren oder Gehen besonders verletzlich (BASt, 2021), weil unter anderem Straßen und Verkehrsbedingungen nicht ausreichend auf ihr Tempo und ihre Sichthöhe zugeschnitten sind. Gleichzeitig tragen ältere Menschen ab 65 Jahren ein hohes Risiko, bei Unfällen schwerer verletzt zu werden oder zu sterben (WHO, 2018; Deutsche Verkehrswacht, 2024). Auch hier gilt, dass altersbedingte Einschränkungen und eine größere körperliche Verletzlichkeit nicht hinreichend bei der Gestaltung der Verkehrsbedingungen berücksichtigt werden.
Wo hakt es?
Wie sicher wir uns bewegen können, hängt maßgeblich davon ab, wie Wege, Straßen und öffentliche Plätze gestaltet werden, welche Regulierungen gelten (etwa Tempo 30) und wie sehr der Verkehr und das Verhalten im Verkehr überwacht werden (Europäische Kommission, 2024; Umweltbundesamt, 2025).
Mobilität wurde und wird häufig aus der Perspektive des Autoverkehrs gedacht (siehe zum Beispiel Manderscheid, 2024). Ein Beispiel aus Berlin zeigt, wie stark Autonutzung den öffentlichen Raum prägt: 58 % der Verkehrsflächen sind dem Auto vorbehalten, fahrend oder parkend. Davon entfallen 19 % allein auf geparkte Fahrzeuge. Zum Vergleich: Es gibt in Berlin zehnmal mehr Kfz-Parkflächen als Spielplätze (Fair Spaces Index, 2024). Diese Flächennutzung macht sichtbar, wer derzeit tatsächlich Raum hat – und wer ihn weitgehend „hinzunehmen“ hat. Besonders auffällig wird dieser Widerspruch beim Blick auf die tatsächliche Nutzung: Nur rund 22 % aller Wege in Berlin werden heute noch mit dem Auto zurückgelegt (Hubrich et al., 2024; SenMVKU, 2024). Obwohl also nur knapp ein Fünftel der Wege per Pkw erfolgt, beansprucht das Auto weiterhin den größten Teil der Verkehrsfläche. Diese Schieflage hat einen Einfluss auf Sicherheitsgefühl, Bewegungsfreiheit und damit auch das Unfallrisiko – vor allem für Menschen, die nicht im Auto unterwegs sind. Breitere Fahrbahnen und Parkplätze gehen nicht selten zulasten enger, unsicherer oder fehlender Radwege. Unsichere Übergänge zeigen deutlich, dass Fußgänger:innen und Radfahrende oft das Nachsehen haben (Drews, 2022; Unfallforschung der Versicherer, 2016).
Zivilgesellschaftliche Organisationen wie VCD, ADFC und Changing Cities, die sich für mehr Sicherheit im Straßenverkehr einsetzen, fordern daher schon länger die Ausrichtung auf eine sogenannte fehlerverzeihende Infrastruktur. Mit dem Begriff ist gemeint, dass Wege, Straßen und Verkehrsbedingungen so gestaltet sind, dass kleine Fehler nicht gleich schwere oder gar tödliche Folgen haben. Beispiele dafür sind baulich getrennte und ganzjährig befahrbare Radwege, gut einsehbare Querungen, Tempolimits, gute Beleuchtung sowie freie Geh- und Radwege – gerade in der dunklen Jahreszeit.
Eine weitere Herausforderung für die Verkehrssicherheit sind zudem SUVs im Stadtverkehr: Sie gelten zwar als besonders sicher für die Mitfahrenden, erhöhen aber das Risiko schwerer Verletzungen oder Todesfälle bei Fußgänger:innen und Radfahrer:innen erheblich unter anderem durch die höhere Kühlerhaube und das hohe Fahrzeuggewicht (Robinson et al., 2025; Unfallforschung der Versicherer, 2019).
Welche Lösungsansätze gibt es?
Dass mehr Sicherheit im Straßenverkehr nicht unmöglich ist, zeigen sogar zwei europäische Hauptstädte. Oslo und Helsinki gelten als Vorreiter: Dort wurde mit dem Konzept Vision Zero erreicht, dass 2019 erstmals niemand mehr zu Fuß oder mit dem Rad im Straßenverkehr ums Leben kam. Möglich wurde das vor allem durch eine klare Neuverteilung des öffentlichen Raums: hunderte Parkplätze in der Innenstadt wichen Radwegen und Grünflächen oder Sitzgelegenheiten. Tempo-30-Zonen und verkehrsberuhigte Bereiche wurden stark ausgeweitet und Kreuzungen so gestaltet, dass sie übersichtlicher und sicherer wurden (The Guardian, 2020; Umweltbundesamt, 2020; Urban Mobility Observatory, 2021).
Während Vision Zero vor allem auf Sicherheit und die Vermeidung schwerer Unfälle zielt, stellt ein weiteres Leitbild die Frage: Für wen soll die Stadt lebenswert sein? Dieses Konzept heißt „8 to 80 Cities“: Städte sollen so gestaltet sein, dass sie für Achtjährige ebenso wie für Achtzigjährige sicher, komfortabel und barrierefrei sind. Die Idee dahinter: Wenn die Bedarfe von Kindern und älteren Menschen berücksichtigt werden, profitieren auch alle anderen davon. Dazu gehören ebenfalls sichere Querungen, baulich getrennte und durchgehende Radwege, breite Gehwege mit guter Beleuchtung sowie Schulstraßen, die Kinder beim Bringen und Abholen schützen. Darüber hinaus geht es in dem Konzept um Stadträume, die zum Verweilen einladen– mit Grünflächen, Bänken und einem barrierefreien Zugang zum ÖPNV. Sichere Wege sorgen eben nicht nur dafür, dass weniger passiert – sie machen die Stadt auch angenehmer, lebendiger und für alle zugänglicher. Die Vision des Ansatzes von „8 to 80 Cities“ ist eine Win-Win-Situation: mehr Sicherheit bei gleichzeitig mehr Lebensqualität für alle (8-80 Cities).
Veranstaltungstipps im Oktober
8. Oktober 2025 – Verkehrssicherheitsberatung und Radfahrübungen der Polizei Berlin für Senior:innen
Unter dem Motto „Sicher und mobil im Alter“ findet die Veranstaltung in der Verkehrsschule Schöneberg von 14:00 bis 18:00 Uhr statt. Keine Anmeldung nötig. Mehr Infos
10. Oktober 2025 – ADFC-Lichterfahrt: Abendliche Fahrraddemo für mehr Sicherheit im Radverkehr
Mit der Lichterfahrt setzt der ADFC ein leuchtendes Zeichen für mehr Sicherheit im Radverkehr – gerade in der dunklen Jahreszeit. Gefordert werden nicht nur gute Beleuchtung, sondern vor allem sichere, geschützte Radwege, die Sichtbarkeit und Platz für Radfahrende schaffen. Die Tour geht an den beleuchteten Gebäuden des Festival of Lights in Berlin vorbei! Lichterketten, Freund:innen und Kolleg:innen sind gerne gesehen. Start: 20:00 Uhr am Potsdamer Platz (historische Ampel); Ziel: Neptunbrunnen am Roten Rathaus. Mehr Infos
12. Oktober 2025 – Kidical Mass Alt-Treptow
Angemeldete Fahrraddemo für sichere und lebenswerte Straßen – für Kinder und alle Generationen. Start und Ziel ist der Edeka in der Heidelberger Straße, Beginn 11:00 Uhr.
16. und 30. Oktober 2025 – Informationsveranstaltung zur Verkehrssicherheit (und Kriminalprävention)
Fragen zur Verkehrssicherheit? Die Verkehrssicherheitsberatung des Abschnitts 34 informiert unter anderem zu Radfahrsicherheit und neuen Verkehrsregeln. Man kann einen Reaktionstest machen, E-Scooter testen und mit Fahrrädern, Pedelecs oder Mobilitätshilfen trainieren. Angeboten werden auch ein Fahrrad-Check und eine Fahrrad-Registrierung vor Ort.
An beiden Tagen jeweils 14:00 bis 15:30 Uhr in der Jugendverkehrsschule Lichtenberg. Mehr Infos
20. Oktober 2025 – Fahrraddemo Kantstraße
Ein breites Bündnis (unter anderem ADFC, Changing Cities und Deutsche Umwelthilfe) ruft zu einer Fahrraddemo auf. Anlass ist die geplante Abschaffung des geschützten Radstreifens auf der Kantstraße – ein Rückschritt für die Sicherheit von Radfahrenden im Straßenverkehr.
Start: 17:30 Uhr am Savignyplatz, Charlottenburg. Mehr Infos